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Demokratie und Populismus in der griechischen Antike und heute

12. Februar 2020 - 14:00 bis 14. Februar 2020 - 17:00 Add to calendar
Tagung

Der schillernde Begriff «Populismus» setzt einen grundsätzlichen Antagonismus zwischen «dem Volk» auf der einen Seite und «der Elite» auf der anderen voraus: Das Volk, dem in einer Demokratie per definitionem die politische Macht gehört, wird – so die implizite Annahme – von einer Elite, der dafür jede Legitimität fehle, beherrscht und ausgebeutet. Diese Elite, der jeweils nur die Gegner zugerechnet werden, gelte es auszuschalten, ja zu vernichten, um dem unterdrückten Volk seine Souveränität zurückzugeben.

Populismus gilt zumal in den Sozialwissenschaften, die sich in den letzten Jahren intensiv um seine Erforschung bemüht haben, meist als ein Phänomen der Demokratien moderner Prägung, die seit der Amerikanischen und Französischen Revolution entstanden sind. Die Demokratie als politisches System ist aber wesentlich älter. Ihre Wurzeln liegen bekanntlich in der griechischen Antike, insbesondere in der Polis Athen, deren Demokratie mit ihrer wechselvollen Geschichte Philosophen, Denker und Dichter der Antike zu nicht selten ausgesprochen kritischen Reflexionen inspiriert hat und die bis heute ein wichtiger Bezugspunkt bleibt. Doch auch in der griechischen Welt der hellenistischen Zeit wurde die Demokratie in vielfältigen Ausprägungen zum Grundmodell der politischen Ordnung der Polis, und zwar auch da, wo die Stadtstaaten ihre äussere Unabhängigkeit an Grossreiche verloren.

Es liegt nahe, danach zu fragen, welche Rolle das Phänomen des Populismus unter den spezifischen Bedingungen der antiken Demokratien im Laufe der Jahrhunderte gespielt hat. Gab es bereits im klassischen Athen und dann auch in den hellenistischen Poleis politische Strömungen, die man als populistisch qualifizieren kann? Ist es das Erstarken von Eliten, das zu populistischen Gegenbewegungen führt? Welche Rolle spielten autoritäre Führungspersönlichkeiten, die – paradoxerweise – geradezu ein Merkmal moderner populistischer Strömungen sind?

Diese und weitere Fragen möchte die internationale ZAZH-Tagung im Dialog mit der Gegenwart und aktueller politikwissenschaftlicher Forschung erörtern. Dahinter steht die Überzeugung, dass die moderne Demokratieforschung vielfältige Analyseinstrumente für neue Einsichten in die antiken Phänomene zur Verfügung stellt und umgekehrt auch der Populismus der Gegenwart durch die historische Perspektivierung besser verstanden werden kann.

Programm

Mittwoch, 12. Februar 2020
14.00 Grussworte des Dekans der Philosophischen Fakultät der UZH Klaus Jonas und der Organisatoren

14.15 GEORG KOHLER (Zürich) - Das Problem der Demokratie. Kleine Befindlichkeitsanalyse der
Gegenwart mit einem Seitenblick auf Platon

15.00 GIOVANNI GIORGINI (Bologna) - The Emergence of Populism in 5th-Century BCE Athens

16.15 CARLO SCARDINO (Düsseldorf) - Demokraten und Demagogen als Populisten ante litteram im Klassischen Athen: Überlegungen zur politischen Rhetorik bei Herodot und Thukydides

Öffentlicher Abendvortrag, 18.15, KO2-F-150
LENE RUBINSTEIN (London) - The Laws, the Courts, and the Will of the People in Lykourgan Athens and the Modern World

Donnerstag, 13. Februar 2020
09.15 JOACHIM VOTH (Zürich) - Aus der Mitte des Volkes: Populismus und Faschismus seit 1850

10.00 MARC BÜHLMANN (Bern) - Populismus, Elitismus und direkte Demokratie – die Schweiz als Beispiel

11.15 ROSALIND THOMAS (Oxford) - Populism and Demagoguery in the Late 5th Century BC and the Political Thought of Thucydides

12.00 CHRISTIAN MANN (Mannheim) - «Ich bin einer von Euch!» Die rhetorische Überbrückung der sozialen Distanz zwischen Politiker und Volk

14.15 VANESSA ZETZMANN (Würzburg) - οὔ φησι Θήβης τῆσδ’ ὁμόπτολις λεώς – Populistische Argumentation und Selbstlegitimation in der attischen Tragödie

15.00 GUNTHER MARTIN (Zürich) - Komischer Populismus. Die Komödie und ihre Behandlung des Publikums als Volksmasse

16.15 CHRISTOPH RIEDWEG (Zürich) - Zum Phänotyp des Populisten, in Athen und heute. Aristophanes’ Ritter als Testfall

17.00 JOSINE BLOK (Utrecht) - The Challenge of Representative Government, Ancient and Modern

Öffentlicher Abendvortrag, 18.15, KO2-F-150
ERIC W. ROBINSON (Bloomington, Indiana) - Populism Ancient and Modern: of Government, Demagoguery, and Donald Trump

Freitag, 14. Februar, KO2-F-150
9:15 Cinzia Arruzza (New York): Democracy, Tyranny, and Shamelessness in Plato

10:00 Georgia Tsouni (Bern): Populism and Aristotelian Democracy

11:15 MATT SIMONTON (Tempe, Arizona) - Civil War and the Persistence of Populism in Hellenistic Greece

12.00 CHRISTEL MÜLLER (Nanterre) - A View from Hellenistic Sparta: Populism and the Revolutions of the 3rd Century BC

14.15 CLAUDIA TIERSCH (Berlin) - Politisches Scheitern wegen verweigertem Populismus? Herodes Atticus und die Bürger Athens

15.30 ANDREAS VICTOR WALSER (Zürich) - Populismus im späten Hellenismus

16.15 Schlussworte von Christoph Riedweg, Riccarda Schmid und Andreas Victor Walser

Organisiert von: 
ZAZH – Zentrum Altertumswissenschaften Zürich

Veranstaltungsort

Universität Zürich - Hörsaal KO2-F-150
Karl Schmid-Strasse 4
8006
Zürich

Kontakt

Monika Pfau

Kosten

0.00 CHF

Anmeldung

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