European Summer School in Digital Humanities

Autor / Autorin des Berichts: 
Anne-Katharina Weilenmann
Zitierweise: Weilenmann, Anne-Katharina: European Summer School in Digital Humanities, infoclio.ch Tagungsberichte, 2013. Online: infoclio.ch, <http://dx.doi.org/10.13098/infoclio.ch-tb-0074>, Stand:


"What Do You Do with a Million Books?" - Gregory Crane

Diese einfache, aber gewichtige Frage, die Crane (2006) in Anbetracht der weltweiten Digitalisierungsprojekte stellte, [1] löst nicht nur Nachdenken aus, sondern fordert eine kritische Auseinandersetzung mit der Tragweite und inhaltlichen Dimension solcher Vorhaben, um die Grenzen des digitalen Raums auszuloten. Die „European Summer School in Digital Humanities“, [2] Leipzig, bot eine Plattform, um Antworten auf solche Herausforderungen zu finden, wieder neue Fragen zu stellen und Erkenntnisse auszutauschen.

Die diesjährige „European Summer School“ fand bereits zum vierten Mal statt; sie wurde vom 22. Juli bis zum 2. August 2013 ausgerichtet und zog einen internationalen Teilnehmerkreis an. Inhaltlich zeigte sich ein buntes und faszinierendes Kaleidoskop von Workshops, Vorträgen und Diskussionen. Die Teilnehmenden mussten sich im Voraus für einen einzelnen Workshop entscheiden, um sich während der zwei Wochen vertieft einer Thematik widmen zu können; die Workshops fanden immer morgens statt, die Nachmittage waren für „Lectures“ und „Presentations“ reserviert. Die Konferenzsprache war Englisch. Das Programm wurde angereichert und abgerundet durch Museumsführungen, Stadtrundgänge und vieles mehr. Die „Communal Dinners“ boten den gesellschaftlichen Rahmen, um sich auch ausserhalb des offiziellen Teils zu vernetzen. Für eine durchgeplante und perfekte Organisation und somit auch einen unbeschwerten Kongressbesuch sorgte Elisabeth Burr mit ihrem Team.

Das Spektrum der Workshops reichte von TEI/XML bis zu Planung und Management von Grossprojekten: Computing Methods applied to DH (ALEX BIA), Query in Text Corpora (ANDREAS WITT), Stylometry (JAN RYBICKI und MACIEJ EDER), Editing in the Digital Age (JOHANNA GREEN), Art History (ÉLISABETH DOULKARIDOU und ELAINE HOYSTED), Interdisciplinary approaches to the study of multimodal human-human (LASZLO HUNYADI), Large Project Planning, Funding, and Management (LYNNE SIEMENS und JENNIFER GUILIANO).[3] Die verschiedenen „Lectures“ wurden von internationalen Experten des Fachs bestritten, [4] in den „Presentations“ [5] führten einzelne Teilnehmende den Stand ihrer persönlichen Projekte vor.

Digitale Editionen mit ihren variantenreichen Ausprägungen und Charakteristika bildeten einen Schwerpunkt der ganzen Veranstaltung. Das Erstellen digitaler Editionen erfordert weit mehr als eine reine Übertragung in eine maschinenlesbare Form. So müssen Rahmenbedingungen und (Lebens-)Umstände des Autors/Schreibers berücksichtigt und in den in den epochalen Kontext eingebettet werden, um ein qualitativ hochwertiges Abbild des Originals zu erzielen und den Ideen und Intentionen des Schreibers gerecht zu werden. An der Schnittstelle von Analog und Digital muss der Lese- und Schreibprozess neu definiert werden. Bolter (2001) spricht hier von „Writing space“ [6] und verdeutlicht damit, dass Lesen und Schreiben interagierende Momente sind. Wie muss (digital) geschrieben werden, um ein optimales Lesen zu ermöglichen, welche Standards müssen/können angewendet werden? Bedingt durch die unzähligen technischen Möglichkeiten (z.B. soziale Netzwerke) werden die beiden Status Autor und Leser zunehmend verflüssigt, das Dokument selbst besitzt keine endgültige Form mehr, ist transformierbar. Wie wird das Wort „Dokument“ definiert und wie sieht „das Dokument der Zukunft“ aus?
Im Workshop „Editing in the Digital Age: From Script, to Print, to Digital Page“ wurden an konkreten Beispielen wie etwa dem „Rossetti Archive“ [7] Besonderheiten der Digitalisierung beleuchtet. Dabei zeigte sich, dass jede Umsetzung eines Digitalisierungsprojekts einer minutiösen Vorarbeit bedarf, um dem Inhalt des vorliegenden Manuskripts gerecht zu werden. Was bezweckte der Autor z.B. mit Annotationen am Rand und warum hat sich das Schriftbild im Manuskript geändert? Solche und weitere Fragen gaben immer wieder Anlass zu Diskussionen und inspirierenden Gesprächen. Im Workshop blieb trotzdem auch genügend Zeit, um die eigenen Projekte weiterzuverfolgen und zu bearbeiten.

Die nachmittäglichen „Lecture-Sessions“ begeisterten mit einer umfangreichen Themenauswahl und boten Gelegenheit zum Austausch.
Das Erforschen und Untersuchen digitaler Texte und die Überlegung, was ein digitaler Text verkörpere, waren zentrale Elemente der „Lecture-Sessions“. Diesen Faden nahm JEAN GUY MEUNIER (Universität Québec) in seinem Vortrag "Reading and analyzing text in the digital world"[8] auf. Er zeichnete nach, dass Digitalisierung immer einen breiten Fundus an (neuen) Texten hervorbringt: „Digitizing text produces a galaxy of texts“; [9] so können daraus als Beispiele digitale, elektronische Texte, annotierte Texte entstehen.
Einen wichtigen Aspekt erläuterte MANFRED THALLER (Universität Köln). Er zeigte in seinem Vortrag "Praising Imperfection: Why editions do not have to be finished"[10] die verschiedenen Entwicklungsstufen von digitalen Editionen auf und verdeutlichte damit, dass das Schaffen digitaler Editionen Teil eines umfangreichen Prozesses ist und das Zusammenspiel verschiedener Akteure benötigt.

Zu weiteren Schwerpunkten gehörten Textmining und Visualisierungstechniken, die sowohl in den verschiedenen „Lectures“ als auch in den „Presentations“ immer wieder thematisiert wurden und auf reges Interesse stiessen.
Die „Presentation-Sessions“ zeugten von der Spannbreite und grossen Verschiedenartigkeit der digitalen Geisteswissenschaft(en). Wer die Gelegenheit wahrnehmen konnte, über ein eigenes Projekt zu sprechen, profitierte von bereichernden Inputs und Diskussionen, die sich oft bis in die Pausengespräche weiterzogen.

Die Sommerschule bot ein einmaliges und abwechslungsreiches Programm, das viele Facetten der aktuellen Forschungslandschaft in den digitalen Geisteswissenschaften widerspiegelte – inspirierend und herausfordernd, die noch ungeklärten Fragen anzugehen. Doch die vielleicht drängendste Frage, jene nach der Form des zukünftigen (digitalen) Dokuments, wird wohl noch lange im Raum stehen bleiben.
Oder bewegen wir uns in Richtung des autonomen, sich selbst organisierenden Dokuments, wie es Kelly (2006) formulierte: „In the new world of books, every bit informs another; every page reads all the other pages.“ [11]?

Notes

1 S. Crane 2006, o.S.
2 http://www.culingtec.uni-leipzig.de/ESU_C_T/node/97/ [22. November 2013].
3 Kurzbeschreibungen zu den einzelnen Workshops sind auf der Konferenzwebsite zu finden: http://www.culingtec.uni-leipzig.de/ESU_C_T/node/226 [22. November 2013].
4 folgende „Lectures“ standen zur Auswahl: GREGORY CRANE: Open Philology and a Global Dialogue among Civilizations, RAY SIEMENS: Perspectives on Knowledge Construction in the Humanities, CHRISTOF SCHÖCH: Big? Long? Smart? Messy? Data in the Humanities, MANFRED THALLER: Praising Imperfection: Why editions do not have to be finished, JEAN GUY MEUNIER: Reading and analyzing text in the digital world, NICOLETTA CALZOLARI: Challenges of Open Data and Collaborative Resources, MARCO BÜCHLER: Historical Text Re-use Detection: Behind the scene, KARINA VAN DALEN-OSKAM: Helpful, Harmless or Heretical?: http://www.culingtec.uni-leipzig.de/ESU_C_T/node/260 [22. November 2013].
5 in diesen Sessions durften 21 Teilnehmende den aktuellen Stand von persönlichen Forschungsprojekten präsentieren
6 J. Bolter 2001, S. 12
7 Rossetti Archive: http://www.rossettiarchive.org/ [22. November 2013].
8 Die Inhalte (Slides usw.) der „Lectures“ und „Presentations“ sind passwortgeschützt via Moodle-Plattform zugänglich, das Abstract zum Vortrag kann auf der Konferenzwebsite eingesehen werden: http://www.culingtec.uni-leipzig.de/ESU_C_T/node/270 [22. November 2013].
9 S. Meunier 2013, o.S.
10 Abstract des Vortrags: http://www.culingtec.uni-leipzig.de/ESU_C_T/node/292 [22. November 2013].
11 S. Kelly 2006, o. S.

Literatur

Bolter, Jay David: Writing Space : Computers, Hypertext, and the Remediation of Print. 2nd ed., Hillsdale, New Jersey [etc.] : Erlbaum, 2001.

Crane, Gregory: What Do You Do with a Million Books?. In: D-Lib Magazine, Vol. 12(2006), No. 3. o. S. URL: http://dlib.org/dlib/march06/crane/03crane.html [22. November 2013].

Kelly, Kevin: Scan This Book!. In: The New York Times Magazine, May 14, 2006, o. S. URL: http://www.nytimes.com/2006/05/14/magazine/14publishing.html [22. November 2013].

Meunier, Jean Guy: Computer assisted reading and analysis of text in digital environment. Lecture given at the Leipzig Culture and Technology Summer School, 2013.

Veranstaltung: 
European Summer School in Digital Humanities
Veranstalter: 
Universität Leipzig
Veranstaltungsdatum: 
22.07.2013 bis 02.08.2013
Ort: 
Leipzig
Sprache: 
e
Report type: 
Conference