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Kopierkulturen in der alten und neuen Welt

Nach dem geplatzten Deal um Google im Oktober in den USA bleibt der künftige Status von digitalisierten Büchern auf dem WWW weiterhin ungeregelt. Vordergründig geht es bei diesem Konflikt um Autorrechte im Internet, doch hintergründig geht es auch um die Frage wie traditionelle Verlage, Medienunternehmen wie Google und öffentliche Bibliotheken den Zugang zu alten Büchern auf neuen Medien künftig regeln. Aus medienhistorischer Perspektive sind diese Auseinandersetzungen keineswegs so neuartig, wie das erscheinen mag, und sie sind kulturhistorisch deshalb so aufschlussreich, weil sie zeigen, dass die USA und Europa seit 1900, als neue fotografische Techniken wie Mikrofilm und Fotokopien grosangelegte Kopierprojekte in Bibliotheken denkbar machten, unterschiedliche Vorstellungen über die kulturelle Bedeutung der Vervielfältigung pflegten. Wissenschaftler und Bibliothekare in den USA erachteten die Kopie als ein Mittel, um die kulturellen Schätze in den Bibliotheken der alten Welt in der neue Welt zu verbreiten.
Kopierprojekte waren immer schon Tauschgeschäfte: Bei gross angelegten amerikanischen Mikrofilmprojekten in europäischen Bibliotheken in den 1930er Jahren wurden Kopierrechte für amerikanische Bibliotheken gegen Apparate und Sicherungskopien für Bibliotheken in der alten Welt getauscht. Bei den aktuellen Digitalisierungsprojekten, über deren terms of trade zurzeit unter Interessenvertretern verhandelt wird, ist neben Geld und Werbeflächen auch die Sichtbarkeit im Internet ein Objekt des Tausches. Die digitale Bibliothek von morgen wird Bibliothek, Verkaufsportal und Suchmaschine in einem sein. Umfassende Kopierprojekte wurden immer wieder von Akteuren in den USA vorangetrieben, während Europa verzögert, skeptisch oder gar ablehnend auf diese amerikanischen Kopieroffensiven reagierte. Kopieren hat etwas mit der Aneignung anderer Kulturen zu tun. In Europa wurden Kopieroffensiven aus den USA seit 1900 als Raubangriff auf die (eigene) Kultur wahrgenommen.

Den ausführlichen Artikel dazu finden Sie nicht auf WWW, sondern ausschliesslich in Ihrer Bibliothek: Papierstau und Informationsfluss: Die Normierung der Bibliothekskopie, in: Historische Anthropologie 1, (2008), 31-54.

Bild: Bücher kopieren vor Google in den 1930er Jahren [Robert C. Binkley, Methods Of Reproducing Research Materials. A Survey made for the Joint Committee on Material for Research of the Social Science Research Council and the American Council of Learned Societies, Edwards Brothers, Inc.: Ann Arbor, 1931], 170