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Identitätskonstruktionen. Zur Rolle der Antike für die europäische und aussereuropäische Selbstfindung

1 September, 2022 to 3 September, 2022 Add to calendar
Conference

Zweite internationale ZAZH-Tagung
(neuer Termin)

Die Berufung auf die Antike gehört bis in die jüngste Gegenwart hinein zu den Standardnarrativen, mit denen eine europäische Identität zu begründen versucht wird. Das Bild der Antike bleibt dabei in der Regel unscharf und schillernd: Bald steht das 'klassische' Athen des 5. und 4. Jh. v. Chr., bald die spätrömische Republik im Vordergrund, seltener die römische Kaiserzeit oder die Spätantike. Man feiert die Antike für ihre Erfindung der Gleichheit, der Demokratie und der Philosophie, als Höhepunkt in Kunst, Literatur und Architektur, und man beklagt ihren Niedergang und Fall, verschuldet durch moralische Zersetzung und die Angriffe der Barbaren. Doch man verurteilt die Antike auch wegen Sklaverei und Misogynie, Totalitarismus und Xenophobie, Fundamentalismus und Intoleranz.

So oder so bleibt das Erbe der Antike als Element der Identitätskonstruktion: Man findet in ihr die Wiege Europas, die Wurzeln der westlichen Tradition, ja den Ursprung eines Abendlandes, dessen Untergang längst eingetroffen, mit allen Mitteln zu verhindern oder endlich herbeizuführen ist.

Die beschwörende Bezugnahme auf 'die Antike' – als vermeintlich homogenes Phänomen westlicher Überlegenheit – und die Aufforderung zur Rettung des 'Abendlandes' sind heute in rechtspopulistischen Kreisen besonders verbreitet, während zugleich von linker Seite jede Bezugnahme auf vermeintlich westlich-europäische Werte radikaler Kritik unterzogen wird. Dies macht die Suche nach antiken Wurzeln europäischer Identität ebenso heikel wie vordringlich, wobei gegen simplifizierende Instrumentalisierungen die spannungsreiche Vielstimmigkeit sowohl der antiken Wirklichkeit wie ihrer vielfältigen Rezeptionen ins Licht zu rücken ist.

Historisch betrachtet fussen viele kulturelle, wissenschaftliche und politische Errungenschaften Europas unbestreitbar direkt oder indirekt auf einem Fundament, das in der Antike durch die griechisch-römische Philosophie, das römische Recht, die Wissenschaft, Literatur, die antike politische Ideenwelt und das Christentum, die Ökonomie und Architektur gelegt wurde. Als integraler Bestandteil Europas wahrgenommen und konzipiert bildet in diesem Sinne die griechisch-römische Antike, die ihrerseits auf den Schultern der älteren ägyptischen und mesopotamischen Kulturen ruht, einen bedeutenden Referenzrahmen für viele neuzeitliche Formen der Selbstvergewisserung und Identitätskonstruktion, wobei dieser Referenzrahmen zu einem grossen Teil über nachantike Prozesse der vertikalen Akkulturation vermittelt ist, die auch über den europäischen Raum hinaus zu beobachten ist.

So knüpften etwa die Abbasiden bewusst an die antike Philosophie- und Wissenschaftstradition an, um die kulturelle Überlegenheit der muslimischen Welt gegenüber den Byzantinern zu dokumentieren, und in der Gegenwart ist nicht zuletzt in China eine markante Steigerung des Interesses an antiken Denktraditionen zu beobachten. Im Westen wiederum streben seit dem frühen Mittelalter zahlreiche Herrscherhäuser und Kulturkreise nach politischer Legitimation und ideeller Teilhabe an einer in der Antike wurzelnden Geschichte, indem sie Narrative der kulturellen und genealogischen Kontinuität entwickelten. So verbanden etwa die Habsburger im 16. Jh. ihre Herkunft mit Hektor von Troja, und von Copernicus bis zur französischen Revolution und darüber hinaus wurde in mythologischen und historischen Vorbildern der Anschluss an die Antike und die Legitimation für das eigene Handeln gesucht.

Gerade in neuerer Zeit schart sich ein weites Spektrum politischer und sozialer und kultureller Akteure mit unterschiedlichen Begründungszusammenhängen und Handlungsabsichten hinter einem Anspruch auf das Erbe der Antike. Kaum zufällig wurde der Grundstein für die Europäische Union mit den Römer Verträgen 1957 auf dem römischen Kapitol gelegt und 2003, ähnlich symbolträchtig, der Beitritt von zehn Staaten zur EU in der Attalos-Stoa in Athen besiegelt. Im Jahre 2017 wählte Emmanuel Macron die athenische Pnyx mit der Akropolis im Hintergrund als historisch aufgeladene Bühne für eine Grundsatzrede über die europäische Demokratie. Ist in der Kunst das Interesse an den antiken Mythen und Dichtungen und die schöpferische Auseinandersetzung damit auch nie erloschen, so fällt doch auf, wie präsent etwa die antiken Tragödien gerade in jüngster Zeit in den Spielplänen der Theaterbühnen im gesamten europäischen Raum wieder sind. Und im Zusammenhang mit den politischen Umwälzungen der letzten Jahre in Amerika waren Vergleiche mit Platons idealtypischer Analyse des Verfalls von Staaten und mit dem Gebaren römischer Imperatoren schnell zur Hand.

Während sich also über die Jahrhunderte hinweg aus gemeinsamen antiken Fundamenten stets von neuem identitätsstiftende Narrative formen liessen und bis heute lassen, stehen in zeitgenössischen Gesellschaften die auf diese Weise herausgebildeten Identitäten in vielfältigen, sich konkurrierenden Wechselbeziehungen und sind nie über alle kulturellen, geographischen und sozioökonomischen Räume hinweg in einer homogenen Struktur verschmolzen.

Bei aller Gemeinsamkeit sind es einerseits die historischen Brüche innerhalb einzelner bzw. ganzer Gruppen von Traditionen, die massgeblich zu einer eigengesetzlichen Weiterentwicklung der identitätsstiftenden Bezüge beigetragen haben, wobei hier insbesondere die national geprägten Narrative zu betrachten sind. In anderen Kontexten wiederum wurden griechisch-römische Anregungen alleine schon aufgrund spezifischer historischer Konstellationen, geographischer Vorgaben und anders vermittelter Zugänge zu der europäischen Antike in ganz verschiedenartige Traditionen inkulturiert. Solche Umstände begründen ihrerseits eine bemerkenswerte und vitale Diversität, die jedoch nicht zu einer Divergenz geführt hat, welche insgesamt die historische und narrative Gemeinsamkeit des Fundaments in Frage stellt.

Die Tagung «Identitätskonstruktionen – Zur Rolle der Antike für die europäische und aussereuropäische Selbstfindung» setzt sich zum Ziel, die Vielschichtigkeit und die Dynamiken der Prozesse herauszuarbeiten, die sich auf ganz unterschiedliche Vorstellungen von Antike beziehen und in der Neuzeit die Narrative europäischer Identität steuern, besetzen und beleben. Dabei kann das ausserordentlich weite Thema nur exemplarisch anhand repräsentativer Beispiele aus verschiedenen Bereichen durchdekliniert werden. Die Prozesse kreativer Aneignung sollen von eingeladenen Fachleuten in transversaler Perspektive beleuchtet werden. Zur Förderung noch nicht etablierter Nachwuchsforscher und -forscherinnen erfolgt ausserdem ein offener Call for Papers, mit dem die Liste der Rednerinnen und Redner ergänzt wird.

Kongresssprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch.

Keynotes
François Bayrou (angefragt)
Prof. Dr. Edith Hall (King's College London)
Dr. Stéphanie-Anne Ruatta (Ubisoft Québec)

Vortragende
Dr. Rosa Andújar (King's College London)
Tejas S. Aralere (University of California, Santa Barbara)
Prof. Dr. Ulrike Babusiaux (Universität Zürich)
Prof. Dr. Wolfgang Behr (Universität Zürich)
Sarah Budasz (Aberystwyth University)
Prof. Dr. Mirko Canevaro (University of Edinburgh)
Dr. Thomas Davies (Yale-NUS College)
Yasmin Frommont (Staatliche Akademie für Bildende Künste Stuttgart)
Dr. Katherine Kelaidis (National Hellenic Museum, Chicago)
Prof. Dr. Wolfram Kinzig (Universität Bonn)
Prof. Dr. Martin Korenjak (Universität Innsbruck)
Joschka Meier (Universität Zürich)
Prof. Dr. Neville Morley (University of Exeter)
Prof. Dr. Jackie Murray (University of Kentucky)
Prof. Dr. Stefan Rebenich (Universität Bern)
Prof. Dr. Ulrich Rudolph (Universität Zürich)
Dr. Anna Schriefl (Humboldt-Universität zu Berlin)
Dr. David van Schoor (Rhodes University)
Dr. Blaz Zabel (University of Ljubljana)

Organised by: 
ZAZH – Zentrum Altertumswissenschaften Zürich: Barbara Holler, Christoph Riedweg, Victor Walser, Paul Widmer

Venue

Universität Zürich
Zürich

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