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CfP: Überwinden, erschliessen, erobern? Infrastrukturen und Architektur des Alpenraums in transnationaler Perspektive

15. August 2021 Add to calendar
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traverse. Zeitschrift für Geschichte. Revue d’histoire 2 (2023)

Das Hochgebirge der Alpen wirkt seit jeher als ein geschäftiger Ort grenzübergreifender Austausch- und Transferprozesse. Dessen tiefe Täler und hohe Gipfel stellen eine geographische Hürde dar, die es mittels technischer Leistungen zu meistern gilt. Besonders das durch die Industrialisierung in Gang gesetzte Wirtschaftswachstum zusammen mit den damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen generierten eine Nachfrage, auch bis dahin kaum erreichbare Bergregionen zu erschliessen und in diverse Wertschöpfungsketten zu integrieren. Die Alpen entwickelten sich dadurch zu einem technischen Raum, der mitunter an Ingenieur*innen, Architekt*innen oder Verkehrsplaner*innen zahlreiche Herausforderungen stellte. Nicht selten ging daraus ein Wettstreit um die Ressourcen des Alpenraums hervor, was genauso zu Konflikten zwischen Ländern, Regionen und Gemeinden wie auch zu gemeinsamen Nutzungsstrategien führte, worin sich die Geschichte des europäischen Zentralgebirges transnational zu erkennen gibt. Nur so werden miteinander verbundene Zentren und Peripherien sichtbar, welche die Vergangenheit dieser weit vernetzten Makroregion nicht allein innerhalb nationalstaatlicher Kategorien zeigen, sondern solche stattdessen kritisch zu hinterfragen ermöglichen.

Der transnationale Ansatz des Themenhefts ist verflechtungshistorischen sowie komparatistischen Überlegungen verpflichtet. Fokussiert wird auf die Geschichte technischer
Innovation angesichts naturräumlicher Herausforderungen sowie ihre epochenübergreifende Wechselwirkung mit Natur und Gesellschaft. Dabei gilt besonderes Interesse grenzübergreifenden oder in ihrer Funktionalität vergleichbaren Infrastrukturen
(Stausee, Verkehrs- und Freizeitinfrastrukturen, militärische Gebäude, usw.) und ihrer Architektur. Es soll nach Wissensbeständen und Technologien gefragt werden, die als Prototypen im «Versuchslabor Alpen» erprobt und verfeinert wurden, zwischen den Regionen einzelner Alpenländer kursierten sowie auch in aussereuropäische Gebirgsräume exportiert wurden. Indem die Studie untersucht, wie sich alpine Bauprojekte und die sie umgebende Topographie und Biosphäre gegenseitig beeinflusst haben, gründet deren Ansatz zudem auf einer umwelthistorischen Herangehensweise, die Fragen nach dem komplexen Wechselverhältnis zwischen Mensch und Natur aufwirft. Welche Wirtschafts- und Technikbranchen beanspruchten einen Platz in vormals abgelegen Alpentälern sowie auf den sie umgebenden Bergspitzen? Wie invasiv gingen sie dabei vor, welche sozialen und ökologischen Folgen wurden durch deren Eingriffe in Kauf genommen? Inwiefern haben die riesigen Baustellen für die Errichtung der Infrastrukturen die lokalen Gemeinden verändert im Zuge der Migrationwellen von Arbeite und spezialisierten Arbeitskräften? In welchem Verhältnis standen dazu Naturschutzinitiativen und -projekte, die das Vordringen bautechnischer Infrastrukturen im Alpenraum mancherorts bremsten und dafür alternative Visionen verfolgten, um die vorgefundenen Landschaften zu konservieren? Wie wirkten sich Umweltbedingungen auf den Bau sowie den Unterhalt von beispielsweise Verkehrs- und Transportwegen, Festungen, Ressourcenspeichern oder Mess- und Sendestationen aus? Welches Fachwissen wurde in diesem Kontext erarbeitet und wie wurde es verbreitet? Wie sind die Alpen zu einem Experimentierfeld für Architektur und Ingenieurwesen geworden? Wie läßt sich in diesem Zusammenhang das Verhältnis zwischen Innovation und Tradition beschreiben ? Die Heftbeiträge sollen die Alpen als einen transnationalen Raum erfassen, den es mittels Infrastruktur und Architektur seit jeher zu überwinden, zu erschliessen oder zu erobern galt.

Auch wenn alpine Bau- und Infrastrukturprojekte am Ende des 19. Jahrhundert einen bis dahin ungesehenen Zuwachs erfuhren sowie in ihrer Umsetzung rasant voranschritten, beschränkt sich die Studie nicht allein auf die Jahre nach 1900. Historische Prozesse und Strukturen, die schon in der Zeit davor die Erschliessung der Alpen ermöglichten und begleiteten, sollen anhand entsprechender Fallbeispiele gleichermassen berücksichtigt werden. Das Herausgeberteam begrüsst deshalb ebenso Eingaben aus früheren Epochen als dem 19. und 20. Jahrhundert.

Themenvorschläge
- Verkehrs- und Freizeitinfrastrukturen, militärische Gebäude, wissenschaftliche und technische Einrichtungen
- Energieerzeugung und -transport, Ausbeutung natürlicher Ressourcen: Dämme, Strommasten, Bergwerke
- Akteure: lokale Gemeinden, regionale, nationale und transnationale öffentliche Institutionen, Verbände für Naturschutz oder Wirtschaftsentwicklung, ExpertInnen, Reisende, ArbeiterInnen, UnternehmerInnen
- Soziale Veränderungen, politische Auseinandersetzungen sowie die mit dem Infrastrukturbau einhergehende Wissensproduktion und -zirkulation.

Beiträge
Wir laden Interessierte ein, bis zum 15. August 2021 ein Abstract (ca. 400 Wörter), ein CV sowie eine Auflistung der Publikationen an Gianenrico Bernasconi (gianenrico.bernasconi@unine.ch) und an Romed Aschwanden (romed.aschwanden@kulturen-der-alpen. ch) zu senden.

Die Beiträge können bis zum 1. April 2022 eingereicht werden. Für die formalen Richtlinien und die redaktionellen Anweisungen siehe www.revuetraverse. ch.

Die Beiträge werden einem Peer-Review-Verfahren unterzogen.

Organised by: 
Romed Aschwanden, Gianenrico Bernasconi, Sebastian De Pretto, Caterina Franco

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