de.hypotheses.org: Neue Chancen für geisteswissenschaftliches Bloggen

"Weblogs in den Geisteswissenschaften. Oder: Vom Entstehen einer neuen Forschungskultur" lautete der Titel der Tagung, die am 9. März 2012 in München stattfand. Die Beiträge über den aktuellen Stand und das Potenzial wissenschaftlichen Bloggens umrahmten den eigentlichen Höhepunkt der Veranstaltung: Der offizielle Onlinegang des Blogportals de.hypotheses.org.

Auf Einladung des Deutschen Historischen Instituts Paris und des Instituts für Kunstgeschichte der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität diskutierten rund 130 Teilnehmende in München über wissenschaftliche Blogs und ihr Potenzial, die Forschungskultur zu verändern. Die Tagungsbeiträge zu den Nutzungsmöglichkeiten, der Form und Funktion sowie den Herausforderungen wissenschaftlichen Bloggens wurden ergänzt durch Praxisberichte bloggender Forscherinnen und Forscher. Die grosse Aufmerksamkeit, die der Tagung auch in der anschliessenden Online-Berichterstattung zuteil wurde, täuscht allerdings über die Tatsache hinweg, dass Blogs gegenwärtig im akademischen Umfeld kaum Anerkennung geniessen und entsprechend wenig genutzt werden.

Die gezielte wissenschaftliche Nutzung von Blogs ist nach wie vor eine Randerscheinung. Forschende nennen vielseitige Gründe für die Zurückhaltung beim Verfassen, Kommentieren und Lesen von Blogbeiträgen: Neben der Unübersichtlichkeit der Blogosphäre, der mangelnden Qualitätskontrolle und des Missverhältnisses zwischen Nutzen und Zeitaufwand, wird vor allem auch die fehlende nachhaltige Archivierung kritisiert.

Diesen Bedenken tritt nun das neu lancierte Blogportal de.hypotheses.org entgegen. Das Portal sieht sich als "Antwort auf ein Bedürfnis nach direkter, vernetzter wissenschaftlicher Kommunikation in Echtzeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften", wie Mareike König, die Hauptinitiatorin der Tagung und des Portals, in ihrem Beitrag erklärte. Als deutschsprachiges Pendant zu fr.hypotheses.org, das sich im französischsprachigen Raum bewährt hat und mittlerweile rund 330 wissenschaftliche Blogs unter einem virtuellen Dach versammelt, bietet de.hypotheses.org eine Infrastruktur und technischen Support für bloggende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ein Zulassungsverfahren und die Voraussetzungen, dass die Bloggenden an eine Bildungs- oder Forschungseinrichtung angebunden sind, garantieren die Wissenschaftlichkeit der Blogs. Zudem sorgt de.hypotheses.org für eine Langzeitarchivierung der Inhalte, bewirbt besonders gelungene Beiträge und sichert durch die Vergabe von ISSN-Nummern die Identifizierung, sodass Blogs zitierbar werden. Mit der Lancierung von de.hypotheses.org soll das wissenschaftliche Bloggen aus seinem Nischendasein befreit und an die Entwicklung im Ausland und in anderen Disziplinen aufgeschlossen werden.

Dennoch lässt sich fragen, welchen Mehrwert Blogs denn eigentlich bieten und welches Potential bisher ungenügend ausgeschöpft wurde. So vielfältig die Blogtypen und die Inhalte auch sind, sie dienen alle der Kommunikation, der Publikation und des Austausches. Ob als digitales Forschungsjournal, als kollaboratives Blog zu einem bestimmten Thema oder als Newsverteiler, Blogs bieten den Wissenschaften auf verschiedenen Ebenen neue Möglichkeiten. Durch den freien Zugang gelangen die Bloggenden an ein grösseres Publikum, das neben Fachkollegen auch eine breitere Öffentlichkeit umfasst. Neue Freiheiten ergeben sich zudem bezüglich des Publikationsrhythmus, des Umfangs und des Schreibstils, sodass Blogs sich als Experimentierfeld eignen.

Das grösste Potenzial liegt allerding in der Möglichkeit, neue Inhalte und Fragen rasch zu verbreiten und umgehend auf diese zu reagieren. So könnten Kommentare nämlich als eine Art Open-Peer-Review verstanden werden. Damit ist nicht gemeint, dass Blogbeiträge bereits vor ihrer Veröffentlichung begutachtet werden sollten, denn dies würde den Eigenheiten des Blogformats widersprechen. Vielmehr setzt die Auseinandersetzung anschliessend durch das Kommentieren ein, wodurch ein unmittelbarer Austausch zwischen den Bloggenden und ihrer Leserschaft stattfindet. Ideen, die im Blog noch unausgereift sind, werden mithilfe der Rückmeldungen ergänzt, korrigiert oder verfeinert. So bieten Blogs nicht nur Raum, um neue Ideen und Fragen entstehen zu lassen, sondern auch, um diese weiterzuentwickeln – vorausgesetzt natürlich, die Kommentarfunktion wird vermehrt genutzt. Wissenschaftliche Blogs sollen etablierte Publikations- und Informationsmittel also nicht imitieren oder verdrängen, bieten aber Chancen, ihren spezifischen Eigenschaften entsprechend die Forschungskultur zu ergänzen und den neuen Ansprüchen, die sich durch die Digital Humanities ergeben, gerecht zu werden.

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Die Tagungsbeiträge stehen in einer Videoreihe auf L.I.S.A – dem Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung – online zur Verfügung. Schriftliche Fassungen einzelner Beiträge sowie das Tagungsprogramm sind zudem auf dem Redaktionsblog von de.hypotheses.org verfügbar.