CFP: Unter Grund: Eine vertikale Verflechtungsgeschichte

20.11.2018 - 09:55 Add to calendar

Bianca Hoenig, Tina Asmussen, Silvia Berger Ziauddin
traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d’histoire, 2 / 2020

Der Untergrund erregt gegenwärtig grosse Aufmerksamkeit, sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. In der Geographie und den Urban Studies wird bereits von einem «vertical turn» gesprochen. Dieser Bedeutungsgewinn in der Wahrnehmung trägt der vielfältigen und sich intensivierenden menschlichen Nutzung des Untergrunds Rechnung, von der Datensicherung und militärischen Projekten bis hin zu Konzepten der Raumgewinnung in urbanen Ballungszentren. Auch haben die Diskussionen um das Anthropozän vor dem Hintergrund einer globalen Umweltkrise zu einer Neubewertung der menschlichen Tätigkeiten unter Grund geführt. Zu nennen sind etwa Arbeiten zur Endlichkeit fossiler Rohstoffe sowie zu den Auswirkungen des Rohstoffabbaus und der Rohstoffnutzung auf Umwelt und Gesellschaft. Dieser Problemkomplex berührt auch Fragen der Lagerung und Entsorgung von Müll, das Grundwasservorkommen oder das Schwinden fruchtbaren Bodens. Zugleich werden Metaphern und Verfahren aus dem Untergrund an die Oberfläche geholt wie beim «Urban Mining» – die quasi bergmännische Gewinnung von Rohstoffen im urbanen Raum.

Die Auseinandersetzung mit der subterranen Sphäre ist selbstredend kein neues Phänomen, im Gegenteil. In vielen Mythologien spielt sie als Heimat von Göttern und Geistern ebenso eine Rolle wie als Reich der Toten. In Literatur und Kunst ist sie vielfach dargestellt worden. Ganze wissenschaftliche Disziplinen – von der Archäologie bis zur Geologie – widmen sich ihrer Erforschung. Und auch als Sphäre der Erschliessung, Kolonisation und Arbeit verfügt die unterirdische Sphäre über eine längere Forschungstradition, z. B. mit der Geschichte des Bergbaus oder der städtischen Infrastrukturen (Tunnelbau, Metro, Kanalisation).

Das Themenheft «Unter Grund» nimmt das aktuelle Interesse zum Anlass, um die sich wandelnden menschlichen Beziehungen zum Untergrund in einer langen historischen Perspektive auszuloten. Ausgehend von der These, dass sich die Sphären unter und über Grund gegenseitig bedingen, möchte das Heft die diachrone und synchrone Vielfalt menschlicher Imaginationen und Nutzungen des Untergrunds als vertikale Verflechtungsgeschichte untersuchen. Im Zentrum steht damit die Frage, was wir mehr oder anders sehen, wenn wir uns nicht ausschliesslich auf Vorgänge unter Grund oder an der Oberfläche konzentrieren, sondern diese miteinander in Beziehung setzen. Damit einher geht auch die Frage, welche Forschungsfelder und methodischen Herangehensweisen sich eignen, um die Wechselwirkungen von „oben“ und „unten“ zu analysieren. Mögliche aktuelle Zugänge reichen von wirtschafts- und infrastrukturgeschichtlichen Forschungen über wissens-/wissenschaftsgeschichtliche Arbeiten bis hin zu kultur- und rechtsgeschichtlichen Beiträgen.

Mögliche Themenkomplexe:
- Untergrund als Metapher und Imaginationsraum
- Untergrund als gesellschaftliche Utopie/Dystopie und Ort religiöser Kontemplation
- Untergrund als Sphäre von Alltagspraktiken: leben, arbeiten, Handel treiben, Begräbniskulturen…
- Untergrund, Technik und Infrastruktur; Untergrund, Planung und Logistik; techno-wissenschaftliche Projekte im Untergrund
- wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Untergrund: Archäologie, Geologie, Bodenkunde, Seismologie usw.
- Untergrund, Katastrophen und gesellschaftliche Konflikte
- Verteidigung und Sicherheit (z. B. Bunker, Datenspeicher, Safe haven)
- städtische und ländliche Untergründe
- Kulturen des Grabens/Vergraben/Findens von Abfällen, Erzen oder Schätzen/Ressourcen und die damit verbundenen Verheissungen, Ängste oder Gefahren
- Untergrund und Zeitlichkeit (horizontal/vertikal): Von Archäologie bis Science Fiction
- Untergrund und Materialität
- Recht, Herrschaft und Eigentumsverhältnisse im Untergrund
- Untergrund und Regime der (Un)Sichtbarkeit

Willkommen sind Artikel aus allen Epochen, die exemplarische Einzelfälle untersuchen, eine (auch epochenübergreifende) Langzeitanalyse vornehmen oder eine (räumlich) vergleichende Perspektive einnehmen. Der geplante Heftschwerpunkt der traverse wird als Ausgabe 2/2020 erscheinen. Die Beiträge des Heftes durchlaufen ein double blind peer review-Verfahren.

Wir laden Interessierte ein, uns bis spätestens 20. November 2018 ein Abstract von ca. 400 Wörtern, CV (kurz) sowie eine Auflistung der bisherigen allfälligen sachverwandten Publikationen zu senden. Die Abstracts sind an Tina Asmussen (tina.asmussen@wiss.gess.ethz.ch), Silvia Berger Ziauddin (silvia.berger@hist.unibe.ch), Bianca Hoenig (bianca.hoenig@unibas.ch) oder Alexandre Elsig (alexandre.elsig@unifr.ch) zu senden.

Organised by: 
traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d’histoire
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traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d’histoire,
-
3000
Bern
Berne
Event language(s): 
German
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0.00 CHF
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